Debunde, Von Kai Strittmatter 15.07.2010-Die 15-jährige Kurdin sitzt in einem türkischen Gefängnis. Weil sie
Steine geworfen hat. Angeblich.«meine kleine schwester suzan, meine liebe. du bist meine rote rose.
weisst du, ich habe jetzt eine gitarre. wenn ich zurückkomme, bringe
ich’s dir bei. du spielst und ich singe. macht mama nicht traurig, ok?»
Brief Berivans vom Januar 2010Das Haus der Familie steht in einem Vorort, der vor kurzem noch ein Bauerndorf war. Eine nackte Glühbirne gibt Licht. Die Mutter breitet Fotos aus: ein Mädchen, scheu lächelnd, mit Gitarre, das Turnschuhe trägt und Jeans. Sie dürfen dort drin die eigenen Kleider tragen. Dann die Zeichnungen. Eine weisse Taube auf einem Stacheldraht. Eine Blütenstaude rankt sich um den Satz: «endlich frei wie eine blume sein.» Zwei Herzen. «mama, ich hab dich sooo lieb.» Am Rand der Briefe ein Stempel: «Kontrolliert. Brieflesekommission. E-Typ-Gefängnis von Diyarbakir.» Die Bilder hat der Anstaltsfotograf geschossen.
Berivan heisst das Mädchen, Berivan Sayaca. Sie ist aus der Stadt Batman. Am Rande der Türkei, am Rande des Lebens. 15 Jahre alt und lebendig, sagt die Mutter. Nicht auf den Mund gefallen. Im Park war sie gerne. Ihr Chef habe grosse Stücke auf sie gehalten. Ihr Chef? Berivan hat gearbeitet, in einer Textilfabrik am Rande Istanbuls. Seit sie neun Jahre alt war. «Was sollten wir hier in Batman?», sagt die Mutter. «Hier ist nichts, wie überall in den Kurdengebieten. Keine Fabriken. Wir mussten weg.»
«meine liebe schwester, du gehst doch in die schule, oder? verpass nichts! lerne!»
In der Türkei herrscht Schulpflicht, acht Jahre lang. Berivan aber ging nur zwei Jahre zur Schule. «Sie sagte ihrem Vater ins Gesicht: ‹Ich zeige dich an›», erzählt die Mutter. Sie weint. «Wir haben ihr gesagt: ‹Schau, dein Vater ist arbeitslos. Wir brauchen die 400 Lira, die du verdienen kannst.›»
Im Oktober starb Berivans Grossvater. Berivan reiste mit der Mutter zurück nach Batman zu seiner Beerdigung. Berivans Cousine Zeynep wohnt auch in Batman. Eines Tages packte Berivan ihren Rucksack und sagte, sie fahre Zeynep besuchen. «Unsere Bushaltestelle», sagt der Onkel, «ist genau dort, wo die Demonstrationen immer stattfinden.»
Es war der 9. Oktober 2009. Am Morgen noch war Berivan ein Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünschte, als zur Schule gehen zu dürfen. Am Abend war sie eine mutmassliche Terroristin.
So schildert Berivan, was passiert ist: Sie stieg aus. Mitten hinein in einen Menschenauflauf. Rufe, Parolen. Berivan bekam Angst. Sie rannte los. Polizisten hinter ihr her. Sie lief um ihr Leben. Schliesslich packten die Polizisten sie. Warfen sie zu Boden, prügelten sie. Mit den Fäusten, mit Schlagstöcken. Schubsten sie in einen Wagen, brüllten, schlugen sie weiter. Berivan wurde allein in eine fensterlose Zelle gesteckt. In der ersten Nacht, erzählte sie ihrer Mutter, sei ein freundlicher Mann zu ihr gekommen. «Berivan, wenn der Richter dich morgen fragt, ob du Steine geworfen hast, dann sag einfach ja, dann lassen sie dich gleich wieder frei. Du bist doch noch ein Kind. Dir tun sie nichts.»
Der Vater war weit weg, in Istanbul. Die Mutter kann weder lesen noch schreiben. Und für einen Anwalt hatten sie kein Geld. «Wir dachten, es kläre sich schon alles auf.» Die Mutter schlägt die Hände vors Gesicht. Die Verhandlung war am 26. Januar. Das Gericht befand, Berivan habe Steine geworfen und Parolen gerufen. Der Beweis: ein Foto, auf dem ein Schuh zu sehen war, der Berivans Schuh glich. Berivan wurde schuldig befunden: der Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation. Gemeint ist die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK. Sieben Jahre und neun Monate Haft. Warum nur?, schluchzte Berivan. «Ist es mein Name, der mich hierher gebracht hat?» Berivan ist ein kurdischer Name, er bedeutet Melkerin.
«was habe ich getan? ich bin 15 jahre alt. was habe ich verbrochen? darf ich nicht kind sein bei meiner familie?»
Ein Kind. Verurteilt als Terroristin. «Jetzt nehmen sie uns auch noch die Kinder», sagt Arif Akkaya. «Sie reissen uns noch das Herz heraus.» Sein Sohn Habun wurde ebenfalls mit 15 nach einer Demo verhaftet. Akkaya hat eine Initiative gegründet: «Gerechtigkeit für Kinder». Er sagt: «Das eine Mal die Woche, wenn wir unsere Kinder besuchen dürfen, weinen sie. Sie haben Angst vor der Nacht. Und flehen uns um Hilfe an.»
Viertausend kurdische Minderjährige wurden seit 2006 vor Sondergerichte gestellt wie Schwerverbrecher. 272 dieser Kinder sassen Ende letzten Jahres im Gefängnis. Die meisten wegen Steinwürfen, die fast nie Verletzte kosteten. Ausgerechnet jetzt? Wo die Regierung eine «historische Öffnung» für die Kurden zu verkündet hat, wo sie die kurdische Sprache wieder erlaubt im Fernsehen wie im Wahlkampf? Türkei paradox, mal wieder.
«Ein Jahr ist vergangen seit Verkündigung der Kurdeninitiative», sagt Selahattin Demirtas, der Vorsitzende der Kurdenpartei BDP, «und heute fühlen sich die Kurden mehr denn je ausgeschlossen, und die Türken fühlen sich mehr denn je bedroht.» Für die Regierung Erdogan sind die Kinder im Gefängnis auch ein PR-GAU. Die Unbarmherzigkeit gegenüber ihnen verhalf den alten kurdischen Gesängen vom heuchlerischen türkischen Staat zu neuer Kraft, zu neuer Empörung. Und sie zeigte einmal mehr, wie Türken und Kurden in zwei Welten leben. Wo keiner die Realität des anderen wahrzunehmen scheint, wo Paranoia und Hass anstelle von Mitgefühl regieren. Die Politiker in Ankara sind jetzt aufgeschreckt ob dessen, was sie da angerichtet haben. Aber es hat quälend lange gedauert.
Wie kam es überhaupt so weit? Nach neuen Angriffen der PKK, nach Unruhen in den kurdischen Städten verschärfte die Regierung 2006 das Antiterrorgesetz. Seither brauchen Jugendliche ab 15 nicht mehr vor ein Jugendgericht gestellt zu werden. Und der Oberste Gerichtshof befand 2008 in einem Urteil, wer auch nur einmal an illegalen Demos teilnehme, sei automatisch als Mitglied der PKK anzusehen. «Beide Seiten, die PKK und die Kräfte des Status quo treiben ein böses Spiel mit den Kindern», sagt der Anwalt Mehmed Ucun. Ucun sass 1980 selbst als 15-Jähriger in Haft: Er hatte, nachdem das Militär geputscht hatte, linke Parolen an die Wand geschmiert. «Ich bekam damals nur ein Jahr. Die Kinder heute werden härter bestraft als zur Putschzeit. Verrückt!»
Die Unicef hat wegen Bruchs der UNO-Kinderrechts-Konvention protestiert. Der Menschenrechtsbeirat des Gouverneurs berichtete, dass Polizisten die Kinder auf dem Weg zur Wache meistens brutal schlagen. Die türkische Ärztekammer beklagte die Zustände in den Gefängnissen selbst: nur ein Mal die Woche warmes Wasser, zu wenig und oft ungeniessbares Essen, Ratten und Kakerlaken. «Weil die Geräte in der Zahnarztstelle nicht funktionieren, werden die Zähne dort nur gezogen», heisst es in dem Bericht.
Eine Frage hört man immer wieder: «Was ist das für ein Premier, der sich in Europa hinstellt und leidenschaftlich das Leid der Palästinenserkinder beklagt und den Kindern seiner eigenen Bürger das antut?» Arif Akkaya hat mit Parlamentariern in Ankara gesprochen. «Sie haben mich gefragt: ‹Warum bloss, Herr Akkaya, bewerfen Eure Kinder unsere Polizei mit Steinen?›» Er entgegnete: «Kommt bitte nach Diyarbakir und lebt mit uns hier nur ein Jahr. Wenn eure Kinder danach keine Steine werfen, dann werden wir euch nicht mehr belästigen.» Er deutet zum Fenster hinaus. «Seit sie klein sind, sehen unsere Kinder Uniformen. Sie sind Teil des Lebens. Uniformierte, die gekommen sind, uns aus unseren Dörfern zu vertreiben, uns unsere Sprache zu verbieten, unsere Väter auf offener Strasse zu erschiessen. Was sich in den Kindern angesammelt hat das lassen sie raus, wenn sie einen Stein werfen.» Es sei wie nach jedem Krieg, sagt der Arzt und Bürgerrechtler Necdet Ipekyüz: «Die nächste Generation ist traumatisiert.»
«ich sterbe hier, ich ertrage dieses gefängnis nicht. hier ist es so kalt.»
Die Mutter besucht Berivan jeden Montag. Seit die Polizisten Berivans Nase blutig geschlagen haben, atmet sie schwer. Heute hat die Mutter der Tochter Waffeln gekauft. Als sie nach einer Stunde aus dem Gefängnistor wieder heraustritt, bringt sie die Tüte wieder mit: Berivan wollte, dass die Schwestern die Waffeln haben: die kleine Suzan und Dilan, die 13-Jährige, die sich weigert, zur Schule zurückzukehren, seit ihre Schwester im Gefängnis sitzt.
Es soll wieder geändert werden, das Gesetz, das aus Kindern Terroristen macht. Premierminister Tayyip Erdogan hat das Anwalt Mehmet Ucun persönlich versprochen. Das Parlament aber verschob die Gesetzesänderung wieder und wieder. Nun soll sie am 20. Juli beraten werden. Und dann? Die Meinungen sind geteilt. Anwältin Kezban Yilmaz glaubt, es könne noch ein Jahr dauern, bis die ersten Kinder freigelassen werden: «Es ist frustrierend.» Ihr Kollege Mehmet Ucun ist optimistischer: «Berivan wird sehr schnell freikommen», meint er. «Eine Regierung, die über ihre Kinder richtet, richtet über ihre Zukunft», sagt Mutter Meryam zum Abschied. «Was werden diese Kinder einmal sagen, wenn sie frei kommen? ‹Sie schlugen uns und sie sperrten uns ein.› Warum sollten sie irgendetwas für diese Republik tun?»