DW-Erstmalig seit ihrer Freilassung haben sich die bulgarischen Krankenschwestern öffentlich geäußert. Sie berichten von schlechten Haftbedingungen und Folter. Derweil treibt Frankreich seine Beziehungen zu Libyen voran.
Zwei der Krankenschwestern bestätigten am Mittwoch (25.7.) auf
einer Pressekonferenz in Sofia, dass sie im libyschen
Gefängnis gefoltert wurden. Sie erklärten, sie
wollten im Rahmen der in Bulgarien bereits eingeleiteten Ermittlungen
gegen mehrere libysche Offiziere entsprechend aussagen. Noch
während ihrer Haft in Libyen hatten die Frauen behauptet, sie
hätten nur unter Folter eingestanden, die Kinder mit dem Virus
angesteckt zu haben. Die Frauen und der Arzt erzählten, die
Zustände im libyschen Gefängnis seien
während der ersten drei der insgesamt achteinhalb Jahre ihrer
Haft "sehr schlecht" gewesen.
Die fünf bulgarischen Krankenschwestern und der ebenfalls
freigekommene Arzt palästinensischer Herkunft leiden an einem
psychischem Syndrom, das dem von U-Boot-Besatzungen ähnelt. Es
werde durch "einen langen Aufenthalt in einem geschlossenen Raum unter
schlechten Bedingungen" ausgelöst, sagte der Direktor des
Militärkrankenhauses, in dem erste medizinische Untersuchungen
an den Freigelassenen vorgenommen wurden. Die Rückkehrer und
ihre Familien machten nun die "schwierigste Phase" durch, und es sei
schwer vorherzusehen, wie sie nach der langen Stress-Periode reagieren
würden.
Erste Untersuchungen
Die Krankenschwestern und der Arzt werden den Angaben zufolge den
gleichen Tests unterzogen, wie sie für Soldaten nach einem
Einsatz im Irak oder in Afghanistan vorgesehen sind. Der Ehemann einer
der Freigelassenen, Sdrawko Georgiew, der von 1999 bis 2004 selbst in
libyscher Haft saß, aber noch nicht nach Bulgarien ausreisen
durfte und erst jetzt mit den Krankenschwestern zurückkehrte,
musste demnach wegen Bluthochdrucks und Herzproblemen im Krankenhaus
behandelt werden. Sein Zustand habe sich aber normalisiert. Der
bulgarische Verteidigungsminister Wesselin Blisnakow bot den
Freigelassenen einen kostenlosen 20-tägigen Aufenthalt in
einem Sanatorium der Armee an.
Die ursprünglich zum Tode verurteilten Krankenschwestern waren
beschuldigt worden, mehr als 400 libysche Kinder vorsätzlich
mit dem HI-Virus angesteckt zu haben. 50 davon sind an Aids gestorben.
Die Krankenhausmitarbeiterinnen waren seit 1999 inhaftiert. Die
Familien der HIV-infizierten Kinder in Libyen zeigten sich derweil
empört über die Begnadigung der Krankenschwestern und
des Arztes durch den bulgarischen Staatspräsidenten. Darin
komme ein Mangel an Respekt vor den Opfern zum Ausdruck, der sie tief
enttäusche, erklärte die Vereinigung der Familien.
Interpol solle die sechs Freigelassenen in Bulgarien wieder festnehmen,
damit sie ihre Haftstrafen komplett verbüßen.
Resozialisierung?
Derweil ist der französische Staatspräsident Nicolas
Sarkozy am Mittwoch in Libyen mit Staatschef Muammar Gaddafi
zusammengetroffen. Ziel seiner Reise sei die Eingliederung des
einstigen Paria-Staates in die internationale Gemeinschaft,
hieß es. Er wolle mittels einer Vertiefung der politischen
und wirtschaftlichen Beziehungen dem Erdöl-Förderland
die Rückkehr in das "Konzert der Nationen"
ermöglichen, sagte Sakozy. "Ich bin glücklich, in
Ihrem Land zu sein, um über die Zukunft zu sprechen", schrieb
er in das Gästebuch in Gaddafis Residenz. Sein Sprecher David
Martinon nannte Libyen wegen seiner Lage einen "strategischen
Gesprächspartner". Sarkozy und seine Frau Cécilia
hatten sich bereits zuvor intensiv um die Freilassung der
Krankenschwestern und des Arztes bemüht.
Bei dem Treffen vereinbarten Frankreich und Libyen eine Zusammenarbeit
bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie. Ziel sei der Bau eines
Atomkraftwerks in dem nordafrikanischen Land, das Energie zur
Meerwasser-Entsalzung liefern solle. Einem französischen
Regierungssprecher zufolge unterzeichneten die Außenminister
beider Länder auch eine Vereinbarung über eine
Rüstungszusammenarbeit. Zudem war von einem Abkommen
über eine Bildungs- und Forschungskooperation die Rede.
Auch US-Außenministerin Condoleezza Rice erklärte,
sie hoffe, bald nach Libyen reisen zu können. Der bulgarische
Ministerpräsident Sergej Stanischew erklärte, Sofia
werde Tripolis möglicherweise Schulden in Höhe von
rund 39 Millionen Euro erlassen. Dies sollte dann aber nicht als
Lösegeldzahlung für die freigelassenen
Krankenschwestern und den Arzt, sondern als humanitäre Hilfe
verstanden werden, betonte er.
26.07.2007