Feedback    Send News  
Languages
Sprache für das Interface auswählen

English French Deutsch Italian Kurdish Turkish

Menu Deutsch

Kurdishinfo Search


SHARE
Share |

Newroz 2011/ Zelte Losung

DTK Democratic Autonomy

TURKEY AND IRAN
GREIFEN ZIVILE GEBIETE AN

Waffenstilstand vorbei
Neue Phase hat begonnen

KCK Statement 5 points

Schluss mit der Isolation!

Abdullah Öcalan: Krieg und Frieden in Kurdistan.
 


Stoppt die Hinrichtungen in Iran

Schluss mit der Kriminalisierung

Kurdistan Report

Der Generalstabschef fährt schweres Geschütz auf Streit über Säkularismus in der
Geschrieben von DENIZ am Samstag, 07. Oktober 2006
löjl
siyaset Frankfurter Allgemeine Zeitung-5. Oktober. Der demokratisch gewählte türkische Ministerpräsident Erdogan will das Feuer löschen, der ernannte Generalstabschef Büyükanit schüttet weiter Öl hinein. Vordergründig streitet sich die Türkei über die Definition von Säkularismus, in Wirklichkeit aber über die Wahlen des kommenden Jahres. Im Mai wählt das Parlament einen Nachfolger für den scheidenden Staatspräsident Sezer, im November das Volk ein neues Parlament. In beiden Wahlen werden sich mutmaßlich Kandidaten der AKP Erdogans durchsetzen. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Streitkräfte ihren Kurs mit einem Putsch durchsetzen konnten. In der Türkei gäbe es dafür nur wenig Unterstützung, im Ausland schon gar nicht.

Daher fährt der Generalstabschef Büyükanit (unser Bild) scharfes psychologisches Geschütz auf. Er selbst eröffnete den Wahlkampf und warnte die Wähler, nicht vom Pfad der laizistischen Tugend des Staatsgründers Atatürk abzuweichen. Ohne starke Armee, so seine Botschaft, würde die AKP im Handumdrehen die Demokratie entführen. Erdogan hielt am Mittwoch abend dieser Kriegserklärung einen Olivenzweig entgegen. Er empfiehlt, den Begriff "Säkularismus" endlich zu definieren, Behauptungen konkret zu belegen, mit dem Angeklagten direkt zu reden statt über Dritte und einen gewissen Respekt füreinander zu zeigen.

In Wirklichkeit steht nicht der Säkularismus auf dem Spiel, sondern dessen Spielart, wie sie die kemalistische Staatsdoktrin in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhundert in der Zeit der Einparteienherrschaft durchgesetzt hat. Das bedeutet: Der Staat kontrolliert und monopolisiert die Religion; beide sind nicht getrennt; die staatliche Religionsbehörde funktioniert als Instrument der Politik. Einer der entschiedensten Befürworter dieses Verständnisses ist Staatspräsident Sezer. Er argumentiert, die Türkei mit ihrer muslimischen Bevölkerung brauche diese Art von Säkularismus, und beschützen könne ihn nur die Armee.

Dabei wollen immer mehr Türken den Säkularismus neu definieren. Das sind natürlich die Islamisten, aber auch die Minderheit der Aleviten, die unter dem sunnitischen Staatsislam der säkularen Republik leiden. Hinzu kommen die nichtmuslimischen Gemeinden, deren Grundstücke unter Hinweis auf den Säkularismus noch immer enteignet werden und die mit derselben Begründung weiter keine Geistlichen ausbilden dürfen. Den liberalen Intellektuellen mißfällt, daß diese Spielart des Säkularismus nicht mit demokratischen Mitteln durchgesetzt, sondern von oben und der kemalistischen Elite verordnet wird.

Zu dieser Elite gehört auch die oppositionelle "Republikanische Volkspartei" (CHP). Offiziell ist sie eine linke Partei, in Wirklichkeit Staatspartei und Partei des Staatsgründers Atatürk. Im Parlament hat sie sich zuletzt der Streichung des Paragraphen 301 im Strafgesetzbuch widersetzt, der die Meinungsfreiheit einschränkt. Auch votierte sie dagegen, den nichtmuslimischen Gemeinden die gleichen Rechte zu geben, wie sie für die Muslime selbstverständlich sind. In Umfragen kommt die CHP bestenfalls auf 15 Prozent, sie ist aber die Partei des kemalistischen Establishments. Das hat es bis heute nicht geschafft, die nationale Identität auf eine andere Basis als eine religiöse zu stellen. Denn das traditionelle Staatsverständnis macht die Kurden, weil sie Muslime sind, zu Türken; Nichtmuslime werden demnach aber, selbst wenn sie türkische Staatsbürger sind, zu Ausländern.

Der Auftritt von Büyükanit vor der Kriegsakademie war gut vorbereitet. Als er am Montag dort das akademische Jahr eröffnete, dozierte er nicht über Militärfragen. Statt dessen griff er Erdogan und dessen Regierung an. Gebe es denn nicht in den höchsten Ämtern des Staats Leute, die den Begriff Säkularismus neu definieren wollten, fragte Büyükanit. Und sei das nicht schon ein schwerer Angriff gegen die Grundfesten der Republik und gegen das Gedankengut Atatürks? Also gebe es in der Türkei sehr wohl die Gefahr der religiösen Reaktion (irtica), folgerte Büyükanit. Gegen diese Gefahr müsse jede denkbare Maßnahme ergriffen werden.

Den Auftritt Büyükanits hatten in den Tagen zuvor die Chefs der Waffengattungen mit Grundsatzreden gleichen Tenors vorbereitet. Dann eröffnete Sezer am 1. Oktober mit einer bemerkenswerten Rede das neue Parlamentsjahr. Er sprach davon, daß die religiöse Reaktion in den vergangenen 20 Jahren nie so bedrohlich gewesen sei wie heute und daß der Begriff Säkularismus entleert werde. Um die Lebensdauer der säkularen Republik zu verlängern, müßten ernannte Amtsträger den gewählten Mandatsträgern mindestens gleichwertig sein, und zum Schutz des Laizismus dürften auch Grundrechte und Grundfreiheiten eingeschränkt werden, sagte Sezer.

Der Boden war für Büyükanit bereitet. Der begann seine Vorlesung wenige Stunden vor Erdogans Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten Bush im Weißen Haus und stahl dem damit die Schau. Am schärfsten griff Büyükanit den EU-Botschafter in Ankara, Kretschmer, an. Der hatte jüngst bekräftigt, die Türkei sei so lange keine modernisierte Demokratie, wie sich die Armee weiter zu allen Themen äußere sowie eine zivile Kontrolle über die Streitkräfte nicht gewährleistet sei. Büyükanit unterstellte Kretschmer darauf eine "heimliche Agenda".

Büyükanits Zorn machte auch vor seinem niederländischen Kollegen Dick Berlijn nicht halt. Der hatte bei der Vorstellung eines Berichts des türkischen Forschungsinstituts Tesev zur Rolle der Armee den türkischen Generalstab aufgefordert, sich endlich zurückzunehmen. Der Bericht brach ein Tabu und kritisiert, daß sich die Waffenbeschaffung und Verteidigungshaushalte weiter der öffentlichen Kontrolle entziehen. Die Forscher von Tesev und neun türkische Polizeioffiziere, die am Bericht beteiligt waren, bekamen daher ebenfalls Breitseiten ab. Die Polizei untersteht dem Innenminister, und die Armee behauptet, daher werde sie von Fundamentalisten unterwandert.

Für viele Kemalisten kam Büyükanit gerade zur rechten Zeit. Erst am 30. August hatte er die Führung der Streitkräfte von dem zurückhaltenden General Özkök übernommen, der als Demokrat in Uniform galt. Mit Büyükanit und den neuen Chefs der Waffengattungen steht nun ein neuer Kader an der Spitze der Armee. Ihn eint die Abneigung gegen die EU und den Rückzug der Streitkräfte aus der Politik.

Von Rainer Hermann

06.10.2006

die letzten 5 Artikel
Einstellungen
Artikel Bewertung
Ergebnis: 2
Stimmen: 9


Bitte nehmen Sie sich die Zeit und bewerten diesen Artikel:
Excellent
Sehr gut
Gut
Okay
Schlecht

Verwandte Links