
In mehr als 60 deutschen Städten schließen Kurdinnen und Kurden aus Protest gegen die Kriminalisierung und politische Verfolgung von Kurden in Deutschland ihre Vereine und treten in Hungerstreik
Sehr geehrte Damen und Herren,
am heutigen Tag führte die Föderation kurdischer
Vereine in Deutschland e.V, in Düsseldorf eine Pressekonferenz
durch. Auf der Konferenz wurde auf die anhaltende Verbots- und
Kriminalisierungspraxis aufmerksam gemacht und über die
geplanten Aktivitäten und Formen des Protestes informiert. Dem
zufolge werden die Mitgliedsvereine von YEK-KOM gegen die
antidemokratische Kurdenpolitik der Bundesregierung ab Montag, dem 21.
08. 2006 die schließen (Es handelt sich über 60
kurdische Vereine in Deutschland). Dieser Protest wird mit
Hungerstreiksaktionen in Köln (an der Domplatte), Stuttgart
und Berlin (Pariser Platz – vor dem Brandenburger Tor)
begleitet werden.
Im folgenden übersenden wir Ihnen eine Zusammenfassung der
heutigen Pressekonferenz.
Eine Zusammenfassung der heutigen
Pressekonferenz gegen die Kriminalisierung und politische Verfolgung
von Kurden in Deutschland
Auf unserer heutigen Pressekonferenz (am 18. August 2006), an der sich
Bernd Brack (Pro-Asyl Essen), Klemens Ross (Rechtsanwalt),
Hüseyin Avgan (DIDF), Günther Böhm
(Azadî e.V.) und das Mitglied des Europaparlaments Feleknas
Uca beteiligten, wurde auf die sich mehrenden Verbote, die
Einschüchterung und Ausgrenzung gegenüber der
kurdischen Bevölkerung durch die deutschen Staatsorgane
hingewiesen. Mit dem Instrumentarium des Straf- und Polizeirechts wird
versucht, die politische Betätigung von Kurden
unmöglich zu machen.
Der Vorsitzende unserer Dachorganisation YEK-KOM Mehmet Demir
erklärte auf der Pressekonferenz: „Die
europäischen Länder, in erster Linie die deutsche
Regierung, gehen seit Jahren mit Repressalien gegen die Kurden vor.
Durch Festnahmen, Durchsuchungen und Verbote werden die Kurden
systematisch kriminalisiert. Zur Letzt wurden die kurdischen Politiker
Muzaffer Ayata und Riza Erdogan von Beamten des Bundeskriminalamtes
festgenommen, nach dem nur eine Woche zuvor Nedim Seven in Niederlanden
festgenommen wurde war.
Mit jedem Tag wird deutlicher, dass die Politik der Kriminalisierung
und Isolation der Kurden Resultat eines gemeinsamen Konzeptes
der Türkei, der USA und der europäischen
Länder ist und zur Zerschlagung einer unabhängigen
emanzipierten Bewegung dienen soll. Deutschland scheint innerhalb
dieses Konzeptes die Rolle des praktischen Umsetzers
auszuüben. Sogar die fundamentalen demokratischen Rechte der
Kurden wie Meinungs-, Versammlungs-, Demonstrations- und
Organisationsfreiheit werden in diesem Zusammenhang beschnitten. (...)
Deutschland sollte eine auf Frieden ausgerichtete Politik betreiben und
endlich dem kurdischen Volk nicht nur als ein Land in Erinnerung
bleiben, das die Türkei mit Panzern ausgerüstet und
die Kurden, die in Deutschland leben und sich für ihre Rechte
einsetzen mit Repressionen überzieht. Es sollte eine
friedliche Lösung der kurdischen Frage aktiv
unterstützen.“ (siehe die gesamte Erklärung
im Anhang)
Zu den Presseerklärungen der weiteren Teilnehmer:
Bernd Brack: Die Art und Weise, wie die Asylgesetze angewandt werden,
entspricht nicht ihrer Bestimmung. Zum Beispiel wurden
Aufenthaltserlaubnisse und Einbürgerungen einer libanesichen
Flüchtlingssgruppe zurückgenommen mit der
Begründung, sie wären erschlichen und die wahre
Nationalität verheimlicht worden, die Flüchtlinge
hätten nicht die libanesiche sondern die türkische
Staatsbürgerschaft besessen. Dazu wurden die
türkischen Konsulate eingeschaltet und den Menschen
türkische Dokumente ausgestellt - allein in Essen sind 1700
Personen davon betroffen. In Berlin, Celle, Hamburg und anderen Orten
ist die Zahl noch grösser.
Klemens Ross:
Die juristische Auslegung ist derart, dass die Gesetzgebung in der
Praxis so verdreht wird, wie es den Beamten gerade passt. Zum Beispiel
sind Einbürgerungen und die Gewährung des
Aufenthaltsrechts dem Ermessen der Beamten überlassen. Auf der
anderen Seite wurden sie aber angewiesen, so zu handeln. Deshalb nehmen
Rücknahmen der Aufenthaltserlaubnis und Verweigerungen der
Einbürgerung zu.
Auch die Verhandlungsphase zur Aufnahme der Türkei in die EU
wird dazu genutzt, die Menschen abzuschieben oder sie anderweitig zur
Rückkehr zu bewegen. Dabei wird argumentiert, die
Türkei habe Reformen in die Wege geleitet und es
hätten demokratische Entwicklungen stattgefunden. Zum Beispiel
wurde einer Kurdin der Aufenthalt entzogen, weil sie an einer
Kundgebung teilgenommen hat. Allein die Teilnahme, die Mitgliedschaft
in einem kurdischen Verein oder dessen Vorstand wird gegen sie
angeführt. Dies zeigt, dass sich die politische Haltung der
Bundesregierung seit Jahren nicht geändert hat.
Hüseyin Avgan:
Die DIDF (Föderation der Demokratischen Arbeitervereine e.V.)
solidarisiert sich mit den Kurdinnen und Kurden hier in Deutschland und
ihren Organisationen. Die Verhaftung der kurdischen Politiker und
Journalisten Muzafer Ayata und Riza Erdogan beweisen, dass die
Bundesregierung hierbei einer Forderungen der Türkei
nachkommt. Sie sollte sich ihre eigenen politischen Interessen widmen.
Auch ist bei den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei in
Betracht zu ziehen, dass deren Erlass von Antiterrorgesetzen
keinesfalls demokratischen Kriterien genügt. Wir fordern die
Bundesregierung auf, die Kriminalisierung der kurdischen
Bevöklerung und ihrer Organisationen zu beenden und Ayata und
Erdogan freizulassen. Die Regierung braucht Ansprechspartner und sollte
ihr Angebot auch wahrnehmen statt sie zu verhaften.
Feleknas Uca:
Die Situation in der Türkei weist nicht auf eine Anpassung an
den für die EU-Beitrittsverahndlungen gesetzten Rahmen. die
Ernennung des kemalistischen Hardliners General Yasar
Büyükanit anstelle von Hilmi Özkök
zum Generalstabschef und die Verabschiedung des Antiterrorgesetzes
lässt im Gegenteil darauf schließen, dass die
Verhandlungsbasis von der Türkei sukzessive verlassen wird.
Auch die Interessen der Kurden werden immer häufiger
missachtet. In den kurdischen Regionen werden immer häufiger
Kontrollen durchgeführt (sie selbst ist bei einer
Delegationsreise in die kurdischen Gebiete auf dem Weg nach Semdinli
achtmal kontrolliert worden) und es kommt immer mehr zu
Menschenrechtsverletzungen, von denen Politiker, Zivilorganisationen
und Bürgermeister verschiedener kurdischer Städte
betroffen sind.
Im folgenden die vollständige Presseerklärung von
Mehmet Demir, dem Vorsitzenden von YEK-KOM:
Sehr geehrte Pressevertreterinnen und Pressevertreter,
die europäischen Länder, in erster Linie die deutsche
Regierung, gehen seit Jahren mit Repressalien gegen die Kurden vor.
Durch Festnahmen, Durchsuchungen und Verbote werden die Kurden
systematisch kriminalisiert. Zur Letzt wurden die kurdischen Politiker
Muzaffer Ayata und Riza Erdogan von Beamten des Bundeskriminalamtes
festgenommen, nach dem nur eine Woche zuvor Nedim Seven in Niederlanden
festgenommen wurde war.
Mit jedem Tag wird deutlicher, dass die Politik der Kriminalisierung
und Isolation der Kurden Resultat eines gemeinsamen Konzeptes
der Türkei, der USA und der europäischen
Länder ist und zur Zerschlagung einer unabhängigen
emanzipierten Bewegung dienen soll. Deutschland scheint innerhalb
dieses Konzeptes die Rolle des praktischen Umsetzers
auszuüben. Sogar die fundamentalen demokratischen Rechte der
Kurden wie Meinungs-, Versammlungs-, Demonstrations- und
Organisationsfreiheit werden in diesem Zusammenhang beschnitten.
Obwohl die Kurden in Deutschland gemäß den
universellen Rechten und der deutschen Gesetzgebung sich für
ihre nationalen, kulturellen und politischen Rechte einsetzen, werden
sie mit einer Ignoranz der deutschen Politik konfrontiert, die zur
Verschärfung der Probleme, statt zu einer Lösung
führt.
Kurden, die in ihrer Heimat getötet, verhaftet und gefoltert
werden und deren Kultur, Sprache und Existenz verboten und verleugnet
wird, sind leider auch in Deutschland, wo sie eine sichere Zuflucht zu
finden glaubten, antidemokratische Behandlung ausgesetzt. Um nur einige
Formen dieser Politik zu verdeutlichen: Die Institutionen und Vereine
von Kurdinnen und Kurden werden willkürlich polizeilich
überfallen, und durchsucht. Vorstandsmitglieder und Mitglieder
von Vereinen werden observiert, ihre Telefone abgehört,
Verfahren gegen sie eingeleitet.
Wegen ihrer politischen oder kulturellen Betätigung im Rahmen
der kurdischen Demokratiebewegung, sehen sich Kurdinnen und Kurden
zunehmend mit der Tatsache konfrontiert, dass ihnen die deutsche
Staatsbürgerschaft oder der Asylstatus aberkannt wird oder sie
der trotz immer noch drohender Gefahren für Leib und Leben in
die Türkei abgeschoben werden . Dies geschieht zur generellen
Abschreckung des kurdischen Bevölkerungsteiles in Deutschland
vor einer unabhängigen politischen Betätigung im
eigenen Interesse. All diese Repressionen werden mit dem
Betätigungsverbot der Arbeiterpartei Kurdistans vom 26.
November 1993 begründet.
Gegenwärtig ist objektiv gesehen die Verleugnung des
kurdischen Volkes teilweise überwunden, das Problem jedoch
noch nicht gelöst. Die Türkei hat einige
Rechtsreformen verabschiedet, die sie im Rahmen der EU-Anpassungsphase
zugesagt hatte. Wegen fehlender Aufrichtigkeit finden diese Reformen im
Alltagsleben keine Resonanz. Im Gegenteil, die Türkei setzt
erneut auf die militärische Lösung, als
hätten diese Reformen nie stattgefunden. Die Armee
verlegt Soldaten, Kommando-Einheiten und Konvois mit Hunderten von
Panzern und Mannschaftswagen in das Dreiländereck zu Irak und
Iran mit dem Ziel, gegen die kurdische Guerilla, die PKK und den
KONGRA-GEL vorzugehen,
Dabei haben die bisherigen Erfahrung gezeigt, dass das Problem
militärisch nicht zu lösen ist. Daher ist es wichtig,
dass ein aktiveres und wirksames Lösungsprojekt entwickelt
wird. Deutschland sollte bei der Ausarbeitung und Umsetzung eines
solchen Projektes eine führende Rolle spielen. Es ist aus
mehreren Gründen gut beraten, die Lösung der
kurdischen Frage und die Demokratisierung der Türkei
anzustreben, sowie seine bisherige traditionelle auf den Status quo
gestützte Außenpolitik abzulegen.
Einer der Gründe hierfür ist die lang anhaltende und
tief gehende historische Beziehung zwischen Deutschland und der
Türkei. Als moderne Projektion dieses Verhältnisses
ist Deutschland der Hauptbefürworter und Unterstützer
der EU-Mitgliedschaft der Türkei. Auf der anderen Seite
befindet sich die größte kurdische Diaspora in
Deutschland.
Des Weiteren stellen die Kurden im Mittleren Osten einen der
Hauptbündniskandidaten dar. Deutschland hat die
Möglichkeit, sich über die politische Beziehung mit
den Kurden aktiv in die Demokratisierung des Mittleren Ostens
einzubringen. Es könnte ohne weiteres diese Vorteile einsetzen
und versuchen, eine Brücke des Dialogs und der Lösung
zwischen den Kurden und der Türkei zu schlagen.
Deutschland sollte eine auf Frieden ausgerichtete Politik betreiben und
endlich dem kurdischen Volk nicht nur als ein Land in Erinnerung
bleiben, das die Türkei mit Panzern ausgerüstet und
die Kurden, die in Deutschland leben und sich für ihre Rechte
einsetzen mit Repressionen überzieht. Es sollte eine
friedliche Lösung der kurdischen Frage aktiv
unterstützen.
Wir erklären heute erneut, dass die Kurdinnen und Kurden sich
von diesen antidemokratischen Repressionen nicht einschüchtern
lassen werden. Wir werden auch in Zukunft unsere elementaren Rechte auf
Meinungs- und Organisationsfreiheit konsequent verteidigen.
Wir fordern die sofortige Freilassung aller kurdischen Politiker, die
Einstellung aller anti-demokratischen Vorgehensweisen gegen unsere
Institutionen, die Einstellung aller ungerechten Verfahren gegen unsere
Mitglieder.
Die politisch Verantwortlichen sind aufgefordert, sich einem Dialog
nicht weiter zu verweigern und die veränderten
Realitäten anzuerkennen.
Denn:
-Das PKK-Verbot ist überholt, weil es weder die
Demokratiebewegung noch die Integrationsbemühungen der Kurden
zur Kenntnis nimmt.
-Das PKK-Verbot ist ungerecht, weil mit ihm und den aus seiner Logik
geschaffenen Straftatbeständen die Kurden als Menschengruppe
zweiter Klasse behandelt werden.
-Das PKK-Verbot ist gefährlich, weil es die demokratischen
Menschenrechte allgemein relativiert und in Frage stellt und weil es
dem staatlichen Terror der Türkei Vorschub leistet.
Wir, die Föderation kurdischer Vereine in Deutschland e.V.,
rufen unsere Mitgliedsvereine dazu auf die jüngsten Festnahmen
der kurdischen Politiker Muzaffer Ayata, Nedim Seven und Riza Erdogan
zum Anlass nehmend, gegen die antidemokratische Kurdenpolitik der
Bundesregierung ab Montag die Vereine zu schließen. Dieser
Protest wird mit Hungerstreiksaktionen in Köln (an der
Domplatte), Stuttgart und Berlin (Pariser Platz – vor dem
Brandenburger Tor) begleitet werden.
Mehmet Demir
Vorsitzender von YEK KOM
(Föderation
kurdischer Vereine in Deutschland e.V.)
18.08.2006