Die WeltDer türkische Ministerpräsident hat derzeit keinen politischen Spielraum. Neue Reformsignale wird er Angela Merkel nicht präsentieren können.
Die Bundeskanzlerin hat es in Ankara auch nicht leicht: Weil daheim die
CDU ein Ende der EU-Verhandlungen fordert, der Koalitionspartner SPD
aber ein klares Bekenntnis zum türkischen Beitritt verlangt,
will bei Angela Merkels Gesprächen mit dem türkischen
Ministerpräsidenten Erdogan jedes Wort wohl bedacht sein.
Noch viel schwerer aber hat es Recep Tayyip Erdogan selbst. Sein
politischer Spielraum ist in diesen Tagen gleich null. Egal, in welche
Richtung er sich bewegt, es droht ihm großes Ungemach. So
bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit dem Rücken
zu Wand einfach stehen zu bleiben.
In den vergangenen Jahren haben er und seine
gemäßigt islamische Regierungspartei AKP der
Türkei die am tiefsten greifenden Reformen seit
Atatürk beschert. Während es diesem unter Vorgabe
westlicher Richtwerte (Werte der 30er-Jahre, wohlgemerkt) um die
Gründung und Festigung des türkischen Nationalstaates
ging, auf Kosten der islamischen Elite und der Minderheiten, will
Erdogan nun mit einem Fuß nach hinten und mit dem anderen
nach vorn: Die Türkei soll wieder islamischer, aber zugleich
auch westlicher werden.
Beide Strategien erzürnen das türkische
Militär. Denn die eine schwächt das Grundprinzip des
säkularen Staates, und die andere, verbunden mit den
EU-Beitrittswünschen, läuft darauf hinaus, das
Militär politisch zu entmachten. Weil der Westen, an dem sich
Atatürk orientierte, der Westen von gestern war, hält
das türkische Militär an diesem Gestern noch heute
fest. Hat im Europa von heute der westliche Militarismus vergangener
Zeiten dazu geführt, dass jede politische Rolle der
Militärs geächtet ist, so ist es in der
Türkei das Militär, das die Parameter der Politik
vorgibt. Zwar wünscht es selbst den Beitritt - aber unter
"Beachtung der türkischen Besonderheiten", also unter Wahrung
seiner herausragenden Stellung. Die würde es erst nach
erfolgtem Beitritt räumen wollen. Die EU hingegen besteht
darauf, dass der Beitrittsprozess mit der Entmachtung des
Militärs beginnt, mit der Unterstellung der
Streitkräfte unter den Verteidigungsminister.
Nicht Zypern und nicht die Kurdenfrage oder die Meinungsfreiheit sind
die wahren Stolpersteine der EU-Verhandlungen, sondern die Reaktion der
Militärs auf ihre drohende Entmachtung. Und dies macht Erdogan
seit einem Jahr jedes konstruktive Handeln in den übrigen
Streitfragen der EU-Integration unmöglich. Erdogan mag sich
zurzeit fühlen wie Alice im Wunderland, als die
Mutter/Königin im Schauprozess sagt: "Alle Wege sind meine
Wege." In der Türkei sind alle gangbaren Wege die des
Militärs.
Es ist dies kein "böses" Militär, es will weder eine
Diktatur errichten noch irgendwelche Nachbarn angreifen, seine
Beliebtheit beim Volk verleiht ihm sogar ein gewisses Maß an
demokratischer Legitimation. Aber sein Statusbewusstsein
verführt es dazu, gegenwärtig Positionen einzunehmen,
die der Türkei schaden können. Über
Stimmungsmache in den Medien und Oppositionsparteien versucht die
Armee, den Ausgang der Parlamentswahlen im nächsten Jahr zu
beeinflussen. Geschickt wurde der Kurdenkonflikt genutzt, um Erdogan zu
einem nationalistischen Kurs zu zwingen. Für die AKP ist das
schmerzhaft, denn sie wurde von vielen kurdischen Wählern mit
an die Macht getragen und revanchierte sich mit Ansätzen
echter Reformen in der Kurdenpolitik. Nun wird sie von diesen
Wählern verlassen.
Zwar hat die PKK neuerdings einen Waffenstillstand erklärt,
was Erdogan als "ermutigend" bezeichnete, und es mag sogar sein, dass
da hinter den Kulissen Fäden gezogen wurden, um diese Wende
herbeizuführen. Bringen aber wird es nichts: Die
nationalistische Opposition, ermutigt vom Militär, stellt die
AKP weiterhin als Erfüllungsgehilfin der PKK dar.
Generalstabschef Büyükanit wiederum stellt den
"islamischen Fundamentalismus" als "größte Gefahr"
für den Staat dar. Das ist objektiv Unsinn, verfolgt aber
dieselbe Logik wie die Unterstellung, die AKP sei zu kurdenfreundlich.
Wenn Erdogan nämlich, um sich dem Vorwurf der
Unterstützung der Radikalen zu entziehen, die Muslime in die
fundamentalistische Ecke stellt, dann verliert er nach den Kurden auch
viele Muslime als Wähler. Und gegenüber der EU hat
das Militär viel zur Entstehung einer Stimmung beigetragen, in
der jedes Entgegenkommen gegenüber Brüssel von vielen
Türken als Vaterlandsverrat empfunden würde, ob nun
in der Zypernfrage (da unternimmt die Regierung sowieso keinen Schritt
ohne Erlaubnis der Militärs), bei der Meinungsfreiheit oder
der Religionsfreiheit. Dass Erdogan auf Brüssel zugeht, ist
angesichts dessen erst nach den Wahlen im nächsten Jahr zu
erwarten.
Ebenfalls im nächsten Jahr wird das Amt des
Staatspräsidenten neu besetzt. Erdogan scheint bislang
entschlossen, entweder sich selbst oder einen Gefolgsmann aus dem
Parlament auf diesen Posten wählen zu lassen. Das
gegenwärtige Sperrfeuer der Armee zielt teilweise auch darauf,
ihn davon abzubringen. Denn sollte die AKP die Wahlen trotz allem als
Regierungspartei überleben und dann auch noch die
Präsidentschaft bekommen, dann droht allerdings das Ende des
kemalistischen Systems. Dann wird die AKP alle Machtpositionen im
Staatsapparat besetzen.
Was aber ist, wenn die Rechnung des Militärs aufgeht? Dann
hätte man vom kommenden Jahr an eine Türkei mit einer
wahrscheinlich fragilen nationalistischen Regierungskoalition und ein
Ende der EU-Verhandlungen. Das mag gut sein für das
Militär und für den Fortbestand eines versteinernden
Kemalismus, aber schlecht für die Türkei.
Von
Boris Kalnoky
06.10.2006