Junge Welt, 31.03.2009/Von Nick Brauns, Patnos/Ararat-Kommunalwahlen in der Türkei: Zwei-Drittel-Mehrheit für Kurdenpartei DTP in der Millionenmetropole-Mit landesweit 38,9 Prozent der Stimmen blieb die islamisch- konservative AKPartei des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan bei
den Kommunalwahlen am Sonntag stärkste Kraft der Türkei. Doch gegenüber
ihrem Parlamentswahlergebnis von 46 Prozent im Jahr 2007 mußte die AKP
deutliche Verluste hinnehmen. Gewinner sind die nationalistische
türkische Opposition und die kurdische Linke. Landesweit folgte der AKP
die sozialdemokratisch- kemalistische Republikanische Volkspartei (CHP)
mit 28 Prozent. Die rechtsextremen Grauen Wölfe der MHP, die mit rund 16
Prozent drittstärkste Kraft wurden, stellen nun in Adana sogar den
Oberbürgermeister.
Die islamisch-faschistisch orientierte Große
Vaterlandspartei BBP, deren für Massaker an Aleviten verantwortlicher
Vorsitzender Muhsin Yazicioglu vergangene Woche bei einem
Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen war, gewann mit über 50 Prozent
in der zentralanatolischen Stadt Sivas den Bürgermeisterposten. Auch die
radikalislamische Sadet-Partei konnte unzufriedene AKP-Wähler für sich
gewinnen und ihren Anteil auf 4,68 Prozent verdreifachen. Trotz des
massiven Stimmenkaufs der AKP im Vorfeld der Wahl und der Einführung
eines kurdischsprachigen Staatsfernsehens triumphierte in den kurdischen
Provinzen im Südosten der Türkei die Partei für eine Demokratische
Gesellschaft (DTP). Diese tritt für eine friedliche Lösung der
Kurdenfrage ein.
Zu den bisher bereits von der DTP regierten über 50
Städten und Kommunen gewann die Partei unter anderem die als konservativ
geltenden Orte Van und Siirt dazu und regiert nun 99 Städte und
Gemeinden. Ein Rekordergebnis verbuchte die DTP in Hakkari, der ärmsten
Provinz des Landes. Hier quittierten die Menschen die seit Jahren
andauernden Übergriffe von Militär und Polizei mit 80 Prozent
Stimmanteil für die DTP. Ministerpräsident Erdogan hatte vor den Wahlen
vollmundig verkündet, die »Festung Diyarbakir«, die er auch als »die
Hochburg der kurdischen Nationalbewegung« bezeichnete, für seine AKP
einzunehmen. Doch die DTP überrundete in der »heimlichen Hauptstadt
Kurdistans« mit 66,5 Prozent die islamische Partei um mehr als das
doppelte. Zehntausende Menschen -- Junge und Alte, Männer und Frauen,
Mädchen mit Kopftüchern oder in Jeans -- feierten den Wahlsieg vor der
DTP-Zentrale der Millionenmetropole am Tigris (kurdisch: Dicle).
Neben
dem wiedergewählten Bürgermeister Osman Baydemir ließen sie auch den
inhaftierten Führer der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistan (PKK),
Abdullah Öcalan, hochleben und skandierten: »Die PKK ist das Volk und
das Volk ist hier«. Jugendliche griffen AKP-Büros mit Steinen an. In
Wahllokalen kurdischer Dörfer schüchterten mit Sturmgewehren bewaffnete
Soldaten die Wähler ein. Teilnehmer von Beobachterdelegationen, die auf
Einladung der DTP unter anderem aus Deutschland, Frankreich und Italien
gekommen waren, berichteten von zahlreichen Wahlmanipulationen durch
staatliche Kräfte. »Jeder zweite Sack mit Stimmzetteln kam unversiegelt
bei der zentralen Wahlbehörde an«, bemerkten Mitglieder einer deutschen
Delegation in der Garnisonsstadt Patnos in der Ararat-Provinz. »Wir
hatten den Eindruck, daß die eigentliche Wahlaufsicht bei der
Militärpolizei Jandarma lag.« Bis spät nachts harrten DTP-Anhänger vor
der Wahlbehörde aus, um einen Betrug zu verhindern. Schließlich siegte
trotz aller staatlichen Manipulationsversuche auch in Patnos der
DTP-Kandidat Yussuf Yilmaz gegenüber der bislang regierenden und von den
örtlichen Großgrundbesitzern gestützten »Demokratischen Partei«.