
Vertreter kurdischer Partei DTP zu Besuch in Deutschland. Ein Gespräch mit Selahattin Demirt
Selahattin Demirtas ist der ehemalige Vorsitzende des
Menschenrechtsvereins IHD in Diyarbakir. Er ist im Juli als
unabhängiger Direktkandidat ins Türkische Parlament
gewählt worden und ist dort Vize-Fraktionsvorsitzender der
kurdischen Partei für eine Demokratische Gesellschaft DTP
Als einzige Fraktion im
Parlament in Ankara hat sich die DTP gegen die laufenden
türkischen Militäroperationen in den kurdischen
Landesteilen und dem Nordirak ausgesprochen. Was kann die DTP so
isoliert überhaupt erreichen?
Wir sind mit 20 Abgeordneten zwar zahlenmäßig die
kleinste Fraktion in der Großen Nationalversammlung der
Türkei und besitzen aus dieser Position heraus nicht die
Macht, Gesetze zu verändern. Allerdings haben wir den Mut, die
Probleme der türkischen Demokratie anzusprechen und die
Bevölkerung zu informieren. Der wichtigste Grund, warum man
versucht, uns im Parlament zu isolieren ist, daß unsere
Politik die demokratiefeindliche Herangehensweise der anderen Parteien
offen legt.
Vor der
türkischen Parlamentswahl hat sich die islamisch-konservative
Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Erdogan gegen
Einmarschdrohungen des Militärs in den Nordirak gestellt.
Unter anderem deswegen wurde die AKP auch von vielen Kurden
gewählt. Warum hat sie jetzt ihre Linie geändert und
steht kritiklos hinter der Bombardierung kurdischer Dörfer im
Nordirak durch die türkische Armee?
Die AKP hat immer eine heuchlerische Politik betrieben. Sie hat sich
ohne Hemmungen zur demokratischsten Regierung aller Zeiten in der
Türkei erklärt und es damit auch geschafft, die
Europäische Union für sich einzunehmen. Die
pragmatische Politik der AKP wird nicht nur viele Kurden, sondern auch
die Türken und Europäer weiterhin
irreführen. Es gibt in Wirklichkeit gar kein Problem zwischen
der AKP und der Armeeführung. Durch eine fiktive Konfrontation
mit den Militärs hat sie es geschafft, zu den Wahlen ihren
Stimmanteil zu erhöhen. Viele Beobachter meinen, daß
diese Strategie von der Armee unterstützt worden ist.
Gegen die DTP ist ein
Verbotsverfahren eingeleitet worden. Was sind die
Hintergründe, und wie ist der Stand des Verfahrens?
Das Ziel des Verbotsverfahrens ist es, uns unter ständiger
Repression zu halten, um so eine freie politische Agitation zu
verhindern. Der Grund ist weniger ein rechtlicher, sondern ein
politischer. Man erschwert es den Kurden, ihre Rechte frei
einzufordern, damit die Parteien mehr Zulauf erhalten, die sich wie die
AKP mit den Militärs arrangiert haben. Das Verfahren vor
Gericht hat noch nicht begonnen, aber aller Voraussicht nach werden wir
am 10. Januar unsere erste schriftliche Verteidigung
durchführen.
DTP-Politiker fordern
immer wieder bessere Haftbedingungen für Abdullah
Öcalan. Dies ist offiziell einer der Gründe
für das Verbotsverfahren. Welche Rolle spielt Öcalan
für die DTP und ihre Wähler?
Öcalan ist eine einflußreiche politische
Persönlichkeit unter den Kurden. Und es ist unrealistisch,
ohne ihn die kurdische Frage lösen zu wollen. Unsere Partei
erkennt diese Realität an und stellt sich gegen die
rechtswidrigen Haftbedingungen Öcalans, die einer Folter
gleichkommen. In der Türkei haben 3,5 Millionen Menschen mit
ihrer Unterschrift eine Kampagne unterstützt, mit der sie
Öcalan als ihren politischen Repräsentanten benannt
haben. Man sollte zumindest diesem Volkswillen mit Respekt
gegenübertreten. Wir setzen uns nicht nur für
Öcalan ein, sondern für alle Gefangenen.
Welche Lösung
schlägt die DTP für die kurdische Frage vor?
Unser Lösungsvorschlag ist die Einführung einer
demokratischen Selbstverwaltung. Demnach wird es in der Türkei
20 bis 25 administrative Gebiete geben. Jedes Gebiet soll seine eigene
Symbolik, also Flaggen usw., einen Namen und ein lokales Parlament
besitzen. Die Gesetzgebung in den Bereichen Tourismus, Bildung,
Landwirtschaft, Sozialpolitik, Ökonomie usw. muß der
Entscheidungsgewalt der jeweiligen Gebiete unterliegen. Aber die
Amtssprache soll weiterhin Türkisch sein, und es soll auch
eine gemeinsame Staatsflagge aller Gebiete geben. Unter einem
einheitlichen Dach soll dieses Modell durch die Stärkung der
lokalen Verwaltungen zur einer freien Verwirklichung der Rechte der
Kurden führen.
Podiumsdiskussionen:
»Quo vadis
Türkei? Die kurdische Frage zwischen Krieg und politischer
Lösung«,
mit Selahattin Demirtas und Vertretern der Linkspartei aus NRW:
Montag, 14. Januar, 18 Uhr, Universität Köln,
Hörsaal XXV, Albertus-Magnus-Platz, und
Dienstag, 15. Januar, 18.30 Uhr, Ruhr-Universität Bochum,
Hörsaal HZO 50
Interview:
Nick Brauns
Quelle: junge Welt, 07.01.2008