Unsere Beobachter-Delegation* konnte bei den Kommunalwahlen in den
türkischen Kurdengebieten zahlreiche Unregelmaessigkeiten beobachten.
Die Delegation bestand aus Mitgliedern zivilgesellschaftlicher
Organisationen und Parteien sowie einem Journalisten.I.n Bingöl kam es laut Aussagen von lokalen Wahlbeobachtern des
Menschenrechtsvereins I.HD sowie der Lehrergewerkschaft Egitim-Sen zu
einer Reihe von Bestechungsversuchen im Vorfeld der Wahl. So habe die
AKP versucht, noch am Vorabend des Wahltags Geldgeschenke im
Armenstadtteil Kültür Mahallesi zu verteilen. Die Beschenkten sollten
auf den Koran schwören, AKP zu waehlen und ein Beweisfoto der
Stimmabgabe abzuliefern. Mitglieder der Demokratischen
Gesellschaftspartei DTP brachten diesen Vorfall noch in der Nacht zur
Anzeige.
Am Wahltag selber stellte unsere Delegation durch eigene Beobachtungen
folgende Unregelmaessigkeiten fest:
I.n den meisten von uns besuchten Wahllokalen im Stadtgebiet Bingoel
hielten sich bewaffnete Polizisten in Zivil auf. Sie verstiessen damit
gegen die Vorschrift, dass sich Uniformierte und Bewaffnete mindestens
hundert Meter von Wahllokalen entfernt halten müssen. Obwohl unsere
Delegation die Polizisten ansprach, zogen sie sich nicht zurück. I.n
einem Fall konnten wir den zur Wahlaufsicht bestellten Richter
informieren, der den Abzug der Polizisten versprach. Kurz vor Wahlende
konnte unsere Delegation einen Zivilpolizisten dabei beobachten, wie er
Einsicht in die Waehlerliste beim Wahlvorstand nahm. Nach seinen eigenen
Angaben wollte er damit feststellen, wer gewaehlt haette und gesuchte
Personen aufspueren.
Auf dem Land stellte sich die Situation weitaus schaerfer dar als im
Stadtgebiet von Bingöl. I.n dem Dorf Göltepesi befanden sich 7 Soldaten,
bewaffnet mit G3-Sturmgewehren, im Wahllokal. Jeder Waehler konnte nur
durch Passieren der Soldatenkette von seinem Wahlrecht Gebrauch machen.
Der Militaereinsatz war geeignet, die Waehler einzuschüchtern. Weiterhin
waren die engen, umbeleuch-teten Flure der Dorfschule gaenzlich
ungeeignet fuer die grosse wartende und sich stauende Waehlermenge. Dies
sorgte zusammen mit der Anwesenheit der bewaffneten Soldaten fuer ein
Klima der Angst und Aggression.
Zum zweiten Mal informierten wir den zur
Wahlaufsicht bestellten Richter ueber die Situation, der den Abzug des
Militaers anordnete, Dem widersetzte sich jedoch der Wahlvorstand vor Ort.
I.n vielen Wahllokalen konnte die Delegation unzureichend verplombte
Urnen feststellen, zwei davon hatten gebrochene Siegel. I.n der Fatil
I.lkög(retim Okulu in Bingöl wurde eine offiziell akkreditierte
Wahlbeobachterin der DTP vom Wahlvorstand in ihrer Arbeit teilweise
behindert, indem sie aus dem Wahlraum verwiesen wurde.
Sowohl die Beobachtungen unserer Delegation, als auch Berichte von
Augenzeugen und direkt Betroffenen weisen darauf hin, dass die
I.dentitaet der Waehler in einigen Wahllokalen unzulaenglich überprüft
wurde. I.m Wahllokal der Ekim I.lkög(retim Okulu reichte die
Gesundheitskarte als I.dentitaetsnachweis anstatt des vorgeschriebenen
Personalausweises mit Registriernummer aus. Der Dolmetscher einer
italienischen Beobachtergruppe brauchte bei seiner Stimmabgabe keinen
I.dentitaetsnachweis vorzeigen.
Der für das Wahllokal des zweitgroessten Bingöler Stadtbezirks Sarayci
verantwortliche Beobachter der DTP, Murat Bug(rahan, berichtete uns von
massiven Verstoessen. Wahlvorstaende haetten Analphabeten angeleitet,
ihre Stimme bei der AKP zu stempeln. Als DTP-Beobachter dies bemaengelt
haetten, habe der Bingöler AKP-Vizevorsitzende, Aydin Çecen, versucht,
sie mit Hilfe von Polizisten aus dem Gebaeude entfernen zu lassen.
Rechtsanwaelte vor Ort konnten dies zunaechst verhindern. Danach seien
die Provokationen gegen DTP-Beobachter weitergegangen.
Soldaten und Polizisten haben nach Angaben von lokalen Beobachtern des
I.HD erst gegen Nachmittag ihre Stimmen abgegeben, als der Wahlausgang
absehbar gewesen sei. I.n vorwiegend von Soldaten und Polizisten
bewohnten Vierteln, so im Wahllokal I.MKB I.lk Ögretim Okulu, habe es
viele AKP-Stimmen gegeben.
Nach Angaben von Murat Bug(rahan durften die akkreditierten
DTP-Beobachter nach der ersten Auszaehlung der Stimmen den Transport der
Urnen und ausgezaehlten Stimmzettel nicht begleiten.
I.n der Zentrale der Wahlbehörde von Bingöl konnte unsere Delegation
einen sehr laxen Umgang mit den Stimmzetteln feststellen. Die meisten
Saecke mit Stimmzetteln waren nicht versiegelt und für jeden
zugaenglich. Zahlreiche Saecke lagen unbeaufsichtigt auf dem Fussboden.
Mitglieder unserer Delegation konnten beobachten, wie Personen darin
herumwühlten.
Auf eine Dokumentation ihres Vorgehens reagierten sie
aggressiv und konnten ihr Tun nicht legitimieren.
Vor dem Gebauede waren zahlreiche Soldaten mit Sturmgewehren und
Schuetzenpanzern postiert.
Die Regierungspartei AKP gewann die Wahl für den Bürgermeisterposten von
Bingöl schliesslich mit 2.000 Stimmen Vorsprung.
Am Abend des 29. Maerz griffen Anhaenger der AKP auf den Strassen
jugendliche DTP-Unterstützer an. Mindestens einer der Angegriffenen
liegt verletzt im Krankenhaus. Die Polizei setzte Traenen-gasgranaten
und Schlagstöcke ein.
Unsere Delegation konnte in anderen Staedten bereits im Vorfeld der Wahl
Hinweise auf teils illegale Wahlbeeinflussung gewinnen:
Der DTP-Vorsitzende der Grosstadt Van, Selim Ertas berichtete uns, dass
Provinzgouverneur und Militaer sich offen auf die Seite der AKP stellen
würden. Soziale Unterstützung für Bedürftige würde als Wahlgeschenke der
AKP deklariert. Die AKP verteile zudem Schecks in Moscheen und Kohle.
Laut Ertas richtete die AKP Verkaufsstellen für Kühlschraenke und
Waschmaschinen ein, in denen die Geraete aber in Wahrheit verschenkt
worden seien.
Der DTP-Kandidat für das Amt des Bürgermeisters, Bekir Kaya,
kritisierte, dass die Wahlvorstaende nur aus AKP-Gefolgsleuten und
Beamten bestuenden. Staatsangestellte in der Region saehen sich in
erster Linie als AKP-Vertreter. Die Behoerden wuerden bevorzugt mit der
religioesen Bewegung von Abdullah Gülen zusammenarbeiten, die in der
Region zahlreiche Schulen unterhaelt.
I.n der Provinz Hakkari berichteten uns Dorfbewohner von Erpressungen
der örtlichen Aghas (Clanführer), die in Zusammenarbeit mit dem
örtlichen Militaerkommandanten die Bevoelkerung zur Stimmabgabe für die
AKP zwingen wollten. Konkret wurden die Menschen mit dem Entzug von
Weiderechten, dem Zugang zu Trinkwasser und der Kündigung ihrer
Arbeitsverhaeltnisse bedroht.
Ausserdem erfuhren wir, dass der Provinzgouverneur und AKP-Vertreter vor
der Wahl Familien zuhause besucht und ihnen 500 türkische Lira angeboten
haetten, wenn sie ihre Stimmen der AKP geben. Um die Stimmabgabe zu
garantieren, sollten die Familien auf den Koran schwören.
I.n der von der DTP regierten Stadt Yüksekova wurde uns berichtet,
Einwohner seien telefonisch von AKP-Funktioniaeren bedroht worden, sie
würden ihre Grüne Karte verlieren -- für die verarmte Bevoelkerung oft
der einzige Zugang zur Gesundheitsversorgung.
Laut Aussage eines
ehemaligen I.HD-Mitarbeiter bekaemen Einwohner diese Drohung auch bei
Behoerdengaengen zu hoeren: Wer nicht AKP waehle, dessen Grüne Karte
würde nicht mehr verlaengert. Ein anwesendes DTP-Mitglied habe das
selbst erlebt:
>> Als ich meine Grüne Karte verlaengern wollte, sagte
mir der Beamte >Du bist Stadtrats-Kandidat der DTP, deswegen bekommst du
keine Verlaengerung<.<
Der oertliche DTP-Vorstandsvorsitzende Arif Karay berichtete uns von
einer Rede, die der Justizminister in Antalya gehalten habe. Darin habe
der AKP-Politiker den Satz fallen lassen: >> Diejenigen Staedte, die
nicht AKP waehlen, werden keine Kanalisation, keinen Strassenbau und
keine Gesundheitsversorgung mehr zu erwarten haben.
<< Und auch der
oertliche Agha, Mustafa Zeydan, bedrohe die Familien in der Region.
Sollten sie nicht seinen Sohn, der für die AKP kandidiert, waehlen,
entziehe er ihnen die Gehaelter als Dorfschützer.
Aus unseren Beobachtungen und der grossen Zahl übereinstimmender
Berichte von Repressionen und Bestechungsversuchen schliessen wir, dass
die Kommunalwahlen zumindest in weiten Teilen der türkischen
Kurdengebiete nicht demokratischen Massstaeben entsprachen.
Die Tuerkei muss endlich freie und demokratische Wahlen gewaehrleisten.
Die Angriffe von Sicherheitskraeften und die Verfolgung von kurdischen
Oppositionellen -- insbesondere von Repraesentanten und Anhaengern der
Demokratischen Gesellschaftspartei DTP -- muessen ein Ende haben. Die
kurdische I.dentitaet muss in der Verfassung der Türkei mit allen
demokratischen und kulturellen Rechten verankert werden.
Die tuerkische Regierung muss endlich alle Einschraenkungen für den
Gebrauch der kurdischen Wort- und Schriftsprache aufheben, die
Versammlungsfreiheit sowie die Freiheit der Presse und Berichterstattung
garantieren -- und damit endlich der Umsetzung der Kopenhagener
Kriterien nachkommen.
Da es Politik der türkischen Regierung ist, DTP-regierten Kommunen die
zur Erfüllung ihrer Aufgaben erforderlichen Budgets zu reduzieren,
teilweise sogar willkuerlich zu entziehen, kann nur die
schnellstmoegliche Einführung kommunaler Selbstverwaltung zur
ökonomischen Entwicklung der kurdischen Regionen führen.
Die tuerkische Regierung muss endlich ablassen von ihrem Kriegskurs
gegen die kurdische Freiheitsbewegung und die Friedensangebote der
Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) annehmen. Nur ein konsequenter und
ehrlicher Friedensprozess, verbunden mit einer Amnestie für alle
PKK-Mitglieder -- auf den Bergen und in den Gefaengnissen -- kann eine
friedliche und demokratische Entwicklung ermöglichen.
.
. Baerbel Beuermann, Stadtverordnete,
. stellvertretende Landessprecherin DI.E LI.NKE NRW
. Martin Eberl, Fernsehjournal?st,
. Gül Güzel, Dolmetscherin
. Michael Knapp, Kurdistansolidaritaetskomittee Berlin
. Antje Steinberg, GEW Bremen